Im Jahre 2008 hatte ich die Chance, im Rahmen eines traditionellen Retreat, genannt «Ango», drei Monate in Japan zu verbringen. Der Tempel, der mich aufnahm, wird von Meister Shundo Aoyama Roshi, einer beinahe achtzigjährigen ehrwürdigen Nonne geleitet. Sie ist für ihre Praxis des Ikebana und ihre spirituellen Schriften weltweit bekannt: Ich empfehle besonders das Buch „ Le zen et la vie“ , Edition Sully (Zen und Leben, im Sully-Verlag erhältlich).

Unten ein Artikel, ein Erlebnisbericht, der in der Zeitschrift Sangha vom internationalen Zen-Verband ( AZI, Association zen internationale: www.zen-azi.org) veröffentlicht wurde.

( Traduction allemande : Christine Thouvenot )

« Auf der Suche nach der gegenwärtigen Zeit » 

Auszüge aus einem Tagebuch bei einem Retreat in Japan

 

Freitag, 28.Dezember 2007

Nun ist es soweit. Aichi Senmon Nisodo, das Kloster, das Aoyama Roshi leitet und wo Nonnen ausgebildet werden: Ein wunderschönes und einfaches Kloster mitten im Stadtzentrum von Nagoya: einige hundert Quadratmeter, die in den folgenden drei Monaten meine neue Unterkunft sein werden: weder Telefon, noch Computer, noch Heizung: Rückkehr zum Wesentlichen.

Dienstag, 1.Januar 2008

La grande clocheEin neues Jahr, das sich im Land der aufgehenden Sonne anbahnt. Gestern Abend habe ich die große Glocke angeschlagen, ohne Überzeugung. Es war 1.30 Uhr morgens, und die Anwohner hatten sich versammelt, um ein „ Hannya Shingyo“ (Herz-Sutra) zu singen und insbesondere in die Kapelle hinaufzugehen, wo eine sehr große Glocke einen hoffnungsvollen « Bong » von sich geben sollte! Aoyama Roshi begrüßte die einen und die anderen mit dem strahlenden und schelmischen Lächeln, das wir kennen, erkundigte sich nach einem jedem. Wir, die „Niso“, umgaben sie in tabis ( weißen Socken aus Baumwolle) auf dem kalten Marmor bei einer Außentemperatur um die 0°C.

Ein sehr schönes und sehr kaltes Bild der Übergabe ! Mit einem etwas gezwungenen Lächeln dachte ich beklommenen Herzens an die Silvesternacht im Kloster La Gendronnière an das Holzkohlenfeuer und an die fröhlichen Gefühlsausbrüche.

Mein Neujahrswunsch war äußerst kühl…

Donnerstag, 15. Januar 2008

Ich wurde in die „Chidden“-Schicht integriert, die sich um Zeremonien und das Hatto (Kapelle für die Zeremonien) kümmert. Es ist einfach und wunderbar, den größten Teil seiner Tage Opfergaben darzubringen, ob Wasser, Reis oder Weihrauch…Alle Rituale sind höchst präzis, und wir verbringen viel Zeit mit Übungen, um auch mit dem Körper zu lernen.

Jeden Tag sollen wir neue Verantwortungen übernehmen, und die Zeit vergeht sehr schnell. Schnelligkeit scheint übrigens eines der Schlüsselelemente der Praxis in diesem Tempel zu sein, und sie bildet die Hauptschwierigkeit. Alles verläuft im Eiltempo: Aufwachen, sich anziehen, sich fortbewegen. Keine Zeit zum Überlegen. Es geht vor allem darum, in Buddhas Arme zu gleiten und zu tanzen, ohne etwas für sich zu behalten. Ein leichtes Problem jedoch: mir gefällt eher Rockmusik als Butô-Tanz und Buddha bin ich schon oftmals auf die Füße getreten…

 

Sonntag, 26. Februar 2008

Es ist 17:00 Uhr. Ich bin um 4.45 Uhr aufgestanden, und ich muss bis zur Zeremonie morgen noch Tausende von Gesten beherrschen. Ein geistiger Überlebensset ist von selbst entstanden mit dem rettenden Leitmotiv: „Is it real?“

Wenn „ich meckere“, wenn „ich würde lieber“, wenn „wenn nur“, wenn „meiner Meinung nach“, dann eine Vollbremsung, und das Dharma übernimmt die Kontrolle über das Fahrzeug.

So kann es zu Augenblicken voller Ruhe mitten im Sturm kommen. Kurze und wunderbare Fenster, die großen Fenster des Körpers. Und japanische Vögel streuen fröhliche Kommentare in die vergehende Zeit ein.

Mittwoch 13. Februar 2008

Wir sind seit zwei Tagen im Sesshin (intensives Retreat). Ich bin sehr, sehr müde. Um 3.45 Uhr aufstehen, Zazen, Oryoki, Samu,usw…Keine Auszeit.

Die Herausforderung des Tages: Das Fukanzazengi in Zeitlupe 40 Minuten lang hersagen, das Sutra-Buch (heilige Texte des Buddhismus) in Augenhöhe und mit angewinkelten Armen halten.

Fazit: Bitte, meine Herren der Soto-shu (Behörde, die in Japan das Zen verwaltet) das Buch wiegt zu schwer! Nächstes Mal, denken Sie doch lieber an Dünndruckpapier!

Donnerstag, 1. März 2008

Eine Nonne hat mir ein „Croissant“ mitgebracht: Traumhaft! Ich habe es voller Freude hinuntergeschlungen, vor den Augen meiner 5 Zimmergenossinnen. Dies ist hier eine der großen Schwierigkeiten: Überhaupt keine Privatsphäre.

Wir sind 24 Stunden am Tag mit den anderen zusammen und zwar für alle Aktivitäten. Gerade jetzt unterhält sich meine rechte Nachbarin über meinen Kopf hinweg mit meiner linken Nachbarin, während ich mich bemühe, mich zu konzentrieren, um die französische Sprache wieder zu beherrschen.

Das Festhalten am eigenen Raum oder am eigenen Revier scheint aus archaischen Tiefen herzukommen, und fassungslos werde ich seiner tellurischen Macht gewahr.

Jeder Tag bietet die Möglichkeit, etwas Neues zu lernen und bringt zum Vorschein, wie reich die Praxis im Nisado ist: Zwar schwierig, sehr anspruchsvoll aber Schätze in sich bergend.

Freitag, 15. März 2008

Das Hatto, buddhistiche Kapelle

Shundo Aoyama Roshi hüllt meine zusammengefügten Hände in ihre mit einer festen und sanften Geste, neigt sich und flüstert mir zu:

Vergessen Sie nicht: Jede Schwierigkeit ist eine Pforte zum Dharma.“

Es ist 10.00 Uhr morgens. Ich verlasse nach drei Monaten Ango den Tempel Aichi Senmon Nisodo.

Eine Stunde zuvor wurde eine Abschiedszeremonie begangen: Sampai (Kniefall und Verbeugung) vor den versammelten Nonnen, Danksagung und Dankbarkeit:

Danke für Ihr ständiges Beispiel, danke für die tausend Geschenke…

Wieder ein Mal sind Worte schwer zu finden vor einer so immensen Gabe.

Freitag 21. März 2008

Rückkehr zum Ryumon-Ji (Zen-Tempel in Frankreich)für das Oster-Sesshin, das in Stille verläuft- Zazen, Oryorki, Samu, die hellen Augen meiner Dharma-Kameraden. Ich habe einen neuen Kimono „Made in Japan“, ein neues Rakusu, Erinnerungen an eine einfache und anspruchsvolle Praxis aber vor allem ein volles Vertrauen im Herzen.

Und Fetzen eines Gedichts, das ich in Japan gehört habe, fallen mir wieder ein:

Ich hatte das Glück, dieser Mönch mit dem Ordensgewand zu sein. Ich hatte das Glück, den Wahrheiten des Universums freie Bahn zu geben. Wie das weiße Tuch, das im Wind weht, will ich nun dieses Leben ohne Anhaftung leben.“